• Tanja Witte

Zwischen Fakt und Fiktion

Aktualisiert: 19. Jan 2019



Die Figuren Melanie und Stefan sind frei erfunden, ihre Geschichte ist es auch. Jedenfalls größtenteils. Und dennoch ist sie nicht fiktiv. Daraus ergibt sich ein gewisses Spannungsverhältnis zwischen Fakten und Fiktion. Genau dieses Spannungsverhältnis ist es, was mich als Autorin interessiert.






Grundsätzlich sind Melanie und Stefan zwei rein fiktive Figuren. Sie dienen nur als verbindendes Element einer Recherche – der Recherche zum Thema Stalking.

Was genau bedeutet „Stalking“ eigentlich? Um diese Frage zu klären, habe ich Kontakt zur Polizei und zu diversen Anlaufstellen für Stalkingbetroffene aufgenommen und in unterschiedlichen Gesprächen eine eigene Definition dieses Begriffs, der in unserer Alltagssprache stark verharmlosend gebraucht wird („jemanden auf Facebook stalken“), erarbeitet1.

Schaut man sich die Verwendung des Begriffs Stalking in den Medien an, dürften schnell zwei sehr unterschiedliche Muster auffallen. Zum einen das „haben wollen“, das besonders in Verbindung mit Prominenten2 beschrieben wird: Besessener Stalker will unbedingt Nähe zum Lieblingssternchen. Zum anderen wird über das „nicht loslassen wollen“ berichtet, bei dem ein Ex-Partner dem anderen das Leben zur Hölle macht. Beide Verwendungen scheinen oberflächlich und ungenau. Sie scheinen einander sogar auszuschließen. Aus genau diesem Grund stehen im Fokus meines Theaterstücks zwei Figuren, die weder berühmt sind, noch jemals in irgendeiner Beziehung zueinander standen. Zwei Fremde – und doch spielt Stalking hier eine Rolle.


Weil das Bild aus den Medien genau diesen Fall aber auszuschließen scheint, wagte ich ein Experiment. Mit dem Namen und der Geschichte der Figur Stefan meldete ich mich in diversen Onlineforen an, in denen ich „meine Geschichte“ erzählte und um Rat fragte. Ich wollte herausfinden, welche Reaktionen diese Geschichte hervorrufen und welche Gespräche dadurch entstehen würden. Über einen Zeitraum von etwa neun Monaten schrieb ich immer neue Posts, kommentierte und chattete. Der Ergebnis? Die Onlinegespräche – Szene 4, Szene 8, Szene 123. Alle Texte, die Stefan in diesen Szenen zugeordnet sind, sind die Posts, die ich formuliert habe. Die Texte der drei Typen sind Zitate echter Kommentare. Tatsächlich lassen sich die Reaktionen auf die Geschichte in drei Kategorien unterscheiden: die Verständnisvollen, die Skeptiker und die Ablehnenden. Und ja – selbst der Spruch „Du darfst dich natürlich auch gern verstecken und den geheimen Zug auf Gleis 9 3/4 nehmen. Ich flieg dann mal auf meinem Besen zum Quidditch.“4 ist ein realer Kommentar, den der User Stefan auf seinen Hilferuf bekommen hat.



Szenen aus der Uraufführung 2016 in Friesoythe


In den Kommentaren fand sich auch ein User, der begann, seine eigenen Erfahrungen zum Thema zu teilen. Im privaten Chat eröffnete ich diesem User, dass es sich bei dem Post um ein Forschungsprojekt handle und fragte ihn nach einem Interview. Es folgte eine angeregte Unterhaltung, die durch die Figur TypA als Erfahrungsbericht5 auf der Bühne in Auszügen zitiert wird.

Auf der Suche nach weiteren Erfahrungsberichten stieß ich auf einen Artikel, in dem die Sportlerin Ariane Friedrich über ihre persönlichen Erfahrungen mit Stalking berichtet6. Besonders interessant an diesem Bericht ist, dass in der Figur der Sportlerin bereits die Täter- und Opferrolle verschwimmen, da sie durch das eigenhändige Veröffentlichen ihrer Erfahrungen selbst bestimmte Grenzen überschritten hatte und dafür stark in der Kritik stand.

Durch einen Bekannten bot sich kurz daraufhin die Möglichkeit, ein Interview mit einem Stalkingbetroffenen in meiner unmittelbaren Umgebung zu führen. Ich nahm diese Möglichkeit wahr und baute Kontakt zu dieser Person auf. Persönlichen Kontakt, z.B. durch ein Treffen an einem neutralen Ort, lehnte diese aus zwei Gründen ab: Zum Selbstschutz, da sie sich durch das Verlassen bekannter Umgebungen ihrem Stalker gegenüber angreifbarer machte, und zu meinem Schutz; denn würde ihr Stalker von dem Interview und dem Projekt erfahren, bestünde die Gefahr, dass auch ich mich zur Zielscheibe machen würde und das Projekt sabotiert werden könnte. Ich respektierte ihren Wunsch und wir begannen uns auf der Plattform Facebook im privaten Chat zu unterhalten. Nachdem ich ihr versichert hatte, dass ihre Geschichte absolut anonym bleiben würde und keine Rückschlüsse auf ihre Person gemacht werden könnten (durch das Verfremden ihrer Geschichte mithilfe weiterer, teils erfundener Geschichten) berichtete sie zunächst sehr offen über ihre Erfahrungen. Bis der Kontakt plötzlich abriss, die Person zunächst nicht mehr antwortete und kurz darauf ihr Profil löschte. Durch den gemeinsamen Bekannten, der den Kontakt hergestellt hatte, erfuhr ich später, dass der Stalker das Facebookprofil der Person gehackt hatte, sich durch unser Gespräch verraten gefühlt hatte und ausgerastet war. Die Person hatte darauf hin alle Profile in sozialen Netzwerken gelöscht. Eine Fortsetzung unseres Gespräches lehnte sie – verständlicherweise – ab.


Durch diese Erfahrung, die ich in meiner unmittelbaren Nähe gemacht hatte, interessierte mich, ob auch andere Menschen in meinem Umfeld Stalkingerfahrungen gemacht hatten. Um dieses Mal aber einen größeren Schutz der Identitäten zu gewährleisten, erarbeitete ich über ein Umfragetool eine anonyme Onlineumfrage, die ich auf meinem persönlichen Facebookprofil teilte. So hatten nur wenige Menschen überhaupt einen Zugriff auf die Umfrage. Insgesamt beteiligten sich 44 Personen daran. Viele der Antworten habe ich an unterschiedlichsten Stellen der Geschichte um die Figur Stefan eingebaut. Ein Antwortprofil unterschied sich aber so stark von allen anderen, dass ich diesem besondere Aufmerksamkeit schenkte. Es ließ sich dabei nicht deutlich herauslesen, ob es sich bei dem Antwortenden um einen Stalker handeln könnte oder um eine Person, die mit Stalkern sympathisiert. Die Aussagen widersprachen sich in sich selbst, sodass keine klaren Rückschlüsse zu ziehen waren. Dieses Antwortprofil faszinierte mich aber so sehr, dass ich es unbedingt möglichst unverfälscht in das Stück aufnehmen wollte. Um sowohl den Umfragecharakter als auch die Widersprüchlichkeit in den Aussagen beizubehalten, erschuf ich den Charakter des Schattens. Auf diese Weise ließ sich die Widersprüchlichkeit einfach darstellen.7 Die Figur des Stalkers wurde durch diese Hinzufügung außerdem zu etwas Ungreifbarem, Undefinierbarem; zu etwas, das sich schwer in Worte fassen ließ und damit zu genau dem, was ich nach diesem Rechercheprozess für angemessen hielt. Stalking lässt sich immerhin schwer fassen. Denn all das, was wir unter dem Oberbegriff Stalking zusammenfassen, könnte unterschiedlicher nicht sein.





1Szene 10: Definition, S.21.


2Siehe Szene 4: Erstes Onlinegespräch, S.10.


3Szene 4: S. 10. | Szene 8: S. 18. | Szene 12: S. 27.


4Szene 4: Erstes Onlinegespräch, S.14.


5Szene 11: Erfahrungsberichte, S.23.


6Artikel: Hans Werner Kilz und Martin Kotynek: "Ich habe als Frau reagiert". https://www.zeit.de/2013/05/Ariane-Friedrich-Facebook-Stalking-Shitstorm (Veröffentlichungsdatum: 24. Januar 2013)


7Szene 13: Umfrageergebnisse, S. 31.


Fotos aus der Uraufführung 2016. (c) Anne Kamphaus

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