• Tanja Witte

Wir werden alt. Eine Kritik an der Kritik

Aktualisiert: 6. Sept 2019

Ich habe eine Komödie geschrieben – Wir werden alt.

Dieses Stück habe ich speziell für die Gruppe Eigen:Regie e.V. aus Friesoythe geschrieben, die Uraufführung fand am 09. Februar 2019 statt.


Der grobe Plot ist schnell erzählt:

1995. Der 25-jährige Holger ist unzufrieden mit seinem Leben. Er glaubt am Leben gescheitert zu sein. Job, Freundin, Geld – Nichts scheint so richtig laufen zu wollen. Seine Frustration eskaliert, als seine Freunde ihm zum Geburtstag eine Überraschungsparty schmeißen wollen. Aber keine Sorge: Nach einigen klärenden Gesprächen vertragen sich am Ende natürlich alle wieder. Das war‘s.

Jedenfalls scheint es so.



Alle Figuren auf einen Blick: Holger, Ramona, Dieter, Gabi, Gisela, Marion, Monika, Manuela und Astrid.


Und auch im Zeitungsartikel „Älterwerden schlägt kräftig aufs Gemüt“1 in der Münsterländischen Tageszeitung (vom 12. Februar 2019) steht nur oberflächlich beschrieben: „Das Chaos ist perfekt. Doch für Holger wird sich etwas Entscheidendes verändern.“ Aber was eigentlich? Einen Job hat er am Ende des Abends jedenfalls nicht. Und auch kein Geld, kein Haus, kein schickes Auto. Eigentlich bleibt alles beim Alten. Eigentlich wird es sogar noch schlimmer, denn Holger wird wieder ein Jahr älter. Aber das liest sich in einer Kritik so schlecht, wenn man beharrlich darauf besteht, dass es sich bei Wir werden alt. um eine oberflächliche Komödie handelt. Dann steht da eben, dass „sich etwas Entscheidendes verändern“ wird, obwohl das gar nicht der Fall ist.


Denn wer Holger als gelangweilt beschreibt, der hat offenbar nicht richtig hingeschaut, der hat offenbar nicht zwischen den Zeilen gelesen oder hinter die Fassade geblickt. Denn Holger ist nicht gelangweilt, er ist verloren. Aber nicht in seinen eigenen Gedanken, nein. Er ist verloren in den Strukturen, die ihm die Gesellschaft wie Fesseln auferlegt hat:


Holger:

Als Kind ja, da hab ich immer gedacht, wenn ich 25 bin, dann hab ich mein Leben im Griff. Dann hab ich einen guten Job, ne hübsche Freundin und massig Geld. […] Ich dachte immer, ich pack das mit dem Leben. Aber mein Leben war ein Griff ins Klo.“2





Was Monika als „spießbürgerlichen Unsinn“3 abtut, geht viel tiefer als das. Die Gesellschaft, in der wir leben, gibt uns vor, wie ein erfülltes Leben auszusehen hat. Arbeit, Haus, Familie. Je schneller man sich hocharbeitet, desto besser. Wer da nicht mithalten kann, hat verloren. Das wird uns heute so vorgelebt. Das wurde auch der Generation vor uns schon so vorgelebt, sonst könnte man dieses Szenario nicht so einfach in ein 90er Jahre Setting setzen. Wir leben nun einmal in einer materialistischen Kapitalgesellschaft. Gute Arbeit, gutes Geld.


Da kann Holger nicht mithalten. In seinem Studium geht es nicht voran. Er hat sich festgefahren. Das wäre auch nicht schlimm, würde er sich nicht ständig mit allen anderen vergleichen:

Gabi verdient seit Jahren gutes Geld, Marion hat ihren Freund und Ramona schreibt wenigstens in der Uni super Noten.“ 4





Auch im Zeitungsartikel werden Holger und Ramona miteinander verglichen. Ramona wird als ähnlich gelangweilt beschrieben. Dabei ist Ramona ein noch besseres Beispiel für die gesellschaftlichen Zwänge, in denen sich junge Erwachsene oft wieder finden. Bei ihr geht das Ganze sogar noch einen Schritt weiter, denn sie ist sich ihrer Situation bewusst, kann daraus aber nicht ausbrechen.


Ramona studiert Jura. Ja, sie schreibt gute Noten. Trotzdem hasst sie Jura. Sie studiert Jura, weil ihr Vater das so will. Ein anderes Studium, eines, das sie gerne machen würde, kann sie sich nicht leisten. Ihr Vater hat das Geld und sitzt am längeren Hebel. Ob sie das nun erfüllt oder nicht, das ist ihm egal. Jura ist ein gutes Studium und ein gutes Studium führt zu guter Arbeit und gute Arbeit bringt gutes Geld. Das hatten wir ja bereits.


Für Holger verändert sich also nichts. Aber er lernt etwas. Sich nicht ständig mit anderen zu vergleichen, sich seinen Weg nicht weiter diktieren zu lassen, sondern ihn selbst zu gehen, Erfahrungen zu sammeln, hinter die Fassade und über den Tellerrand zu blicken. Es gehört einiges dazu, zu verstehen, woher der eigene Frust kommt und es dauert eine ganze Weile, bis man sich wirklich aus seinen alten Zwängen oder aus alten Denkmustern befreien kann, aber Holgers erste Schritte sind am Ende der Aufführung durchaus getan.


Zuletzt möchte ich mich den Figuren Dieter, Astrid und Gisela widmen. In seiner Kritik bezeichnet der Autor des Zeitungsartikels sie als Stressfaktoren, die „es auch nicht gerade besser“ machen. Das Wort Stressfaktor ist in diesem Fall ganz gut gewählt, allerdings sind sie keine Stressfaktoren für Holger – Der hat mit den dreien nämlich eigentlich kaum etwas zu tun. Aber füreinander sind sie definitiv Stressfaktoren, machen sich das Leben gegenseitig unnötig kompliziert und zeigen dem Zuschauer damit einmal mehr, dass wir den meisten Stress, den wir in unserem Alltag erleben, eigentlich nur uns selbst zuzuschieben haben.





Wir werden alt. ist dadurch so viel mehr als ein „turbulentes Generationsstück“, wie der Autor es in seiner Kritik formuliert. Es ist eine Gesellschaftskritik, die gerade dadurch, dass man sie in eine 90er Jahre Hülle gepackt hat, umso mehr an Aktualität gewinnt. Denn wenn die Probleme der heutigen jungen Erwachsenen schon die Probleme der jungen Erwachsenen vor 20 bis 30 Jahren waren, dann scheinen wir aus unseren gesellschaftlichen Zwängen und Diktaten noch immer nicht entkommen zu sein.


Als Autor, Co-Regisseur und Spieler dieses Stücks hätte mich eine Kritik zu diesem tatsächlichen Inhalt der Inszenierung sehr interessiert. Stattdessen bekam ich eine einfache Kopie der Einführung in das Stück aus dem Programmheft5 in der Zeitung zu lesen. Schade.





1„Älterwerden schlägt kräftig aufs Gemüt“ von Hans Passmann in der Münsterländischen Tageszeitung vom 12. Februar 2019. Link: https://www.mt-news.de/index.php?aid=26276


2 Szene 11: Von Mann zu Mann (oder so), S. 24.


3 Szene 11: Von Mann zu Mann (oder so), S. 25.


4 ebenda


5 Die ich auch noch selbst geschrieben habe.


Fotos 1 und 3-7: M. Milaster

Fotos 2 und 8: Anne Kamphaus

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